Aufgaben der Völven – Vielseitig und spezialisiert

Aufgaben der VölvenDie Aufgaben der Völven sind vielfältig, jedoch nimmt nicht jede Völva alle Aufgaben wahr. Oft spezialisieren sich Völven auf eine oder mehrere Aufgaben.

Zur Zeit der alten germanischen Stämme wurde von jeder Völva erwartet, dass sie umfangreiche Kenntnisse der Mythologie besaß. Nur so konnte sie mit den Göttern sprechen und die Geschicke der Gemeinschaft beeinflussen. Auch die Traumdeutung gehörte zu den „Pflicht“aufgaben. Ob sie jedoch Sexualmagie praktizierte, Krafttiere erkannte oder in der Heilkunst ausgebildet war, überließ man ihrem Talent bzw. den persönlichen Neigungen.

Status

Viele Tätigkeitsbereiche der Völven überschneiden sich mit denen der Heilerinnen, Priesterinnen und Schamaninnen. Manche Völven waren als Geburtshelferinnen und Hebammen tätig. Andere übten politischen Einfluss aus. In einem Punkt waren sich jedoch alle Völven gleich: Es waren selbstständige und selbstbewusste Frauen, die sich weder Zwang noch Konventionen beugten. Ihr hohes Ansehen gewannen sie durch Wissen und Können, durch Fähigkeiten und den Stolz, mit dem sie ihre Überzeugungen vertraten.

Individuelle Berufung

Eine Frau war (und ist) auch dann eine Völva, wenn sie nur wenige der traditionellen Aufgaben übernahm. Moderne Völven betätigen sich oft als Lebens- und Partnerschafts- oder Sexualberaterinnen. Sie betreuen misshandelte Frauen, kümmern sich um in Not geratene Familien oder sogenannte „Straßenkinder“. Da manche der traditionellen Aufgaben heute ganz oder teilweise ihre Bedeutung verloren haben, besteht auch keine Verpfichtung zu ihrer Ausübung. So wird sich heute kaum noch eine Völva mit dem Thema Genealogie befassen.

Die selbstbewusste und in jeder Hinsicht selbstbestimmt lebende Wanengöttin Freyja ist das Sinnbild dessen, was es bedeutet eine Völva zu sein. Jede Frau, die nach ihrem Vorbild lebt und anderen Frauen und Kindern dabei hilft, hat die Kraft einer Völva in sich.

Kultureller und Gesellschaftlicher Hintergrund

Die Aufgaben der Völven haben sich mit der Zeit entwickelt und sich Veränderungen der gesellschaftlichen Konventionen angepasst.

In seiner „Germania“ schreibt Publius Cornelius Tacitus:
Indessen sind dort die Ehen streng, und gar keinen Theil der Sitten darf man mehr loben. Denn fast nur sie allein unter den Barbaren sind mit Einer Frau zufrieden. Ganz wenige ausgenommen, welche nicht der Wollust zuliebe, sondern ob ihres hohen Adels mit gar vielen Heirathen umworben werden. Ehegabe bietet nicht die Frau dem Manne, sondern der Frau der Mann.

Also im sichern Schutze der Keuschheit leben sie, durch keine Schauspiel-Lockungen verdorben, durch keine Reizungen der Gelage. Der Schrift Geheimwege kennen Männer und Weiber gleichmäßig nicht. Aeußerst selten ist in dem so zahlreichen Volke der Ehebruch, dessen Bestrafung augenblicklich und dem Manne überlassen ist. Abgeschnittenen Haares und entblößt jagt dieser sie vor den Augen der nahen Verwandten aus dem Hause und treibt sie mit der Peitsche durch das ganze Dorf. Denn preisgegebene Scham hat kein Verzeihen. Nicht durch Schönheit, nicht durch Jugend, nicht durch Habe findet sie einen Mann. […] Also empfangen sie nur einen Gemahl, wie nur einen Körper und ein Leben, damit kein weiterer Gedanken, daß keine fernere Begierde lebe. Daß nicht gleichsam den Ehemann sie lieben, sondern gleichsam den Ehebund.

Entscheidungshoheit der Völva

Was also tun, wenn zwei Liebende nicht zueinander kommen können? Stand sich eine Frau gut mit der Völva, gereichte ihr dies zum Vorteil. Durch Liebeszauber oder die Feststellung einer zu nahen Verwandschaft, konnte eine unerwünschte Hochzeit verhindert werden. Auch ob eine Frau noch Jungfrau war, konnte die Völva „entscheiden“. Schmückte sie die Frau mit den Blüten von Schneeglöckchen oder mit weißen Federn, so galt ihre Jungfräulichkeit als bestätigt.

Jedem der Männer, gleich welchen Standes, war bewusst, dass die Völva durch Zauber seine Manneskraft oder – was mitunter als noch schrecklicher angesehen wurde – die Kampfeskraft rauben konnte. Zudem gehörte derartige Entscheidungen zu den Aufgaben der Völven. Mit Widerspruch war daher kaum zu rechnen.

Frauen in der germanischen Gesellschaft

Hierzu noch ein Auszug aus der Germania des Tacitus:
Das geschichtliche Andenken weiß, daß einige Schlachten, schon sinkend und wankend, von den Weibern wieder hergestellt wurden. Durch Beharrlichkeit der Bitten, durch das Entgegenhalten ihrer Brüste, und durch das Hinzeigen auf die ganz nahe Gefangenschaft. Welche der Germane im Hinblick auf sein Weib weit unüberstehlicher fürchtet. So sehr, daß die Stimmung solcher Staaten wirksamer gebunden wird, denen unter den Geiseln auch edelbürtige Mädchen abverlangt werden. Ja, daß selbst ein heiliges und prophetisches Wesen denselben inwohne, glauben sie. Und man weist ihren Rath nicht ab oder vernachlässigt ihre Aussprüche. Wir selbst haben unter Vespasianus (nun bei den Göttern) die Veleda gesehen, welche lange bei den Meisten für ein Gottwesen galt. Aber auch in älterer Zeit verehrten sie göttlich eine Albruna und mehrere Andre. Nicht aus Kriecherei, noch als ob man sie zu Göttinnen machte.

Völven haben die Rolle der Frauen in der germanischen Gesellschaft maßgeblich beeinflusst. Zu behaupten, dass sie dies immer uneigennützig taten, währe wohl vermessen. Hier zählt jedoch nur das Ergebnis.


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