Germanenexkurs aus „De bello Gallico“

GermanenexkursGermanenexkurs aus „De bello Gallico“, Sechstes Buch: Aufstand der Gallier, zweite Rheinüberschreitung, Gallier- und Germanenexkurs (53 v. Chr.) von Gaius Julius Cäsar.

6,21: Religion. Lebensweise, Moral

(1) Von diesen Sitten [denen, der Gallier] weichen die Germanen in vielen Stücken ab. Man findet bei ihnen keine Priester wie die Druiden und auch keinen besonderen Hang zum Opferdienst. (2) Als Götter verehren sie nur Sonne, Vulkan (d.h. Feuer) und Mond, die sie sehen und deren offenbaren Einfluss sie wahrnehmen. Die übrigen Götter kennen Sie auch nicht dem Namen nach. (3) Ihr ganzes Leben bewegt sich zwischen Jagd und Kriegsbeschäftigung; von Jugend auf gewöhnen sie sich an Mühe und Abhärtung. (4) Lange unverheiratet zu bleiben bringt bei ihnen großes Lob; denn dadurch, glauben Sie, werde Körpergröße, werde die Kraft gemehrt und die Nerven gestärkt. (5) Dagegen gilt es für höchst schimpflich, vor dem 20. Lebensjahr eine Frau erkannt zu haben. Und doch machen sie aus der Verschiedenheit der Geschlechter kein Geheimnis; denn beide Geschlechter baden sich gemeinschaftlich und tragen einen großen Teil ihres Körpers bloß, da ihre Bedeckung nur aus Fellen und kleinen Pelzen besteht.

6,22: Ackerbau

(1) Mit dem Ackerbau beschäftigen sie sich nicht eifrig; der größere Teil ihrer Nahrung besteht aus Milch, Käse und Fleisch. (2) Auch besitzt niemand bei Ihnen ein bestimmt abgemessenes Feld oder ein eigenes Gebiet. Nur ganze Stämme, Geschlechter und Verbände bekommen alljährlich von ihren Obrigkeiten und Häuptlingen, so viel und wo diese es für gut finden, Feld angewiesen, müssen aber im folgenden Jahr anderswohin ziehen. (3) Dafür führt man viele Ursachen an: damit die Leute nicht durch ununterbrochene Wohnung und Bebauung derselben Gegend verlockt werden, die Lust zum Krieg mit dem Ackerbau zu vertauschen; damit sie nicht nach ausgedehntem Landbesitz trachten und die Mächtigeren die Schwächeren aus ihren Besitzungen verdrängen; damit sie nicht, um Kälte und Hitze zu vermeiden, ihre Wohnungen sorgfältiger bauen; ferner, um keine Geldgier aufkommen zu lassen, woraus Parteienzwist entsteht; (4) endlich, um die Zufriedenheit des gemeinen Mannes zu erhalten, wenn er sieht, dass sein Besitz selbst dem der Mächtigsten gleichkommt.

6,23: Krieg, Staatswesen

(1) Die einzelnen Staaten suchen ihre größte Ehre darin, möglichst weit um sich verwüstete Einöden an ihren Grenzen zu haben. (2) Sie sind es nämlich als einen besonderen Beweis der Tapferkeit an, wenn ihre Nachbarn aus ihren Sitzen vertrieben werden und weichen und niemand es wagt, in ihrer Nähe zu wohnen; (3) zugleich finden Sie darin auch eine Sicherheit, weil sie keinen plötzlichen Überfall zu fürchten haben. (4) Wird ein germanischer Stamm durch Angriff oder Verteidigung in einen Krieg verwickelt, so wählt man zu seiner Leitung ein Oberhaupt mit Macht über Leben und Tod. (5) Im Frieden hingegen haben sie keine Obrigkeiten über das Ganze, sondern die Häuptlinge der einzelnen Gegenden und Gaue sprechen unter ihren Leuten Recht und beheben die Streitigkeiten.

6,23: Raubzüge, Gastfreundschaft

(6) Raub gilt nicht als schimpflich, wenn er außerhalb des eigenen Gebietes geschieht; ja sie rühmen ihn sogar als Mittel gegen den Müßiggang und zur Ertüchtigung der Jugend. (7) Wenn einer der Häuptlinge in der allgemeinen Versammlung erklärt, er wolle sich an die Spitze stellen: wer Anteil zu nehmen wünsche, der solle sich melden, so erheben sich alle, denen der Mann und das Unternehmen gefällt und versprechen ihm unter lautem Beifall der Menge ihre Unterstützung. (8) Folgt dem aber einer später dennoch nicht, so betrachtet man ihn als fahnenflüchtig und Verräter; niemals mehr findet er für die Zukunft Glauben. (9) Den Gastfreund zu verletzen gilt für ein großes Verbrechen, und es mag einer zu ihnen kommen in welcher Angelegenheit er immer will, so schätzen sie ihn als unverletzlich gegen jede Beleidigung; jedes Haus steht ihm offen; jeder reicht ihm den nötigen Unterhalt.

6,24: Machtverschiebung von den Galliern auf die Germanen

(1) In früherer Zeit waren die Gallier tapferer als die Germanen, führten Angriffskriege und schickten wegen ihrer großen Bevölkerung, für die sie nicht Land genug hatten, Auswanderer auf das rechte Ufer des Rheins. (2) So besetzten Tektosagen aus dem Stamm der Volken die fruchtbarsten Gegenden Germaniens am herkynischen Wald, den, wie ich sehe, schon Eratosthenes und andere Griechen unter dem Namen des orkynischen vom Hörensagen kannten. (3) Sie wohnen auch noch bis zur Stunde dort und genießen wegen ihrer Gerechtigkeit und Tapferkeit sehr großes Ansehen. (4) In unserer Zeit nun leben die Germanen immer noch gleich arm, dürftig, hart, und begnügen sich mit der selben Nahrung, Kleidung und Wohnung wie früher. (5) Den Galliern dagegen verschafft die Nähe römischer Provinzen und die Bekanntschaft mit den über das Meer kommenden Waren mehr Genüsse und größeres Wohlleben. (6) Allmählich sind sie daran gewöhnt, besiegt zu werden und vergleichen sich nach vielen Niederlagen an Tapferkeit selbst nicht mehr mit den Germanen.

6,25-28: Der herkynische Wald und seine Tierwelt (Rentier, Elch, Auerochse).

25. (1) Der Wald Hercynia, von dem ich soeben sprach, erstreckt sich der Breite nach für einen guten Fußgänger neun Tagesreisen weit; eine andere Bestimmung ist nicht möglich, da man dort eigentliche Wegmessungen nicht kennt. (2) Er beginnt im Gebiet der Helvetier, Nemeter und Rauraker und läuft dann in gerader Richtung mit dem Donaustrom bis zu den Dakern und Anarten; (3) von hier aber biegt er nach links durch von dem Fluss abgelegene Gebiete und berührt wegen seiner Größe viele Völker und Länder. (4) Niemand in diesen Gegenden Germaniens, selbst wenn er 60 Tage auf der Reise war, kann behaupten, dass er den Anfangspunkt des Waldes gesehen oder etwas Bestimmtes darüber erfahren habe. (5) Bekanntlich leben in ihm auch viele Tiergattungen, die man anderwärts nicht findet. Die auffallendsten und merkwürdigsten Arten sind folgende:

26. Rentier

(1) Es gibt dort ein Rind, dem Hirsch nicht unähnlich (Rentier), auf dessen Stirn mitten zwischen den Ohren sich ein Horn erhebt, das aber höher und gestreckter ist als die uns bekannten Hirschgeweihe. (2) Ganz oben an seiner Krone laufen, wie Ruderschaufeln oder Palmblätter weite Äste aus. (3) Die männlichen und weiblichen Tiere gleichen sich in Beschaffenheit, Gestalt und Größe des Geweihes.

27. Elch

(1) Ferner der Elch. Er gleicht an Gestalt und Farbenwechsel des Fells einer Wildziege, ist aber etwas größer; seine Hörner sind nur ein Stumpf, und seine Beine ohne Knöchel und Gelenke. (2) Wenn er ausruhen will, legt er sich deshalb nicht nieder und kann sich, wenn er durch einen Zufall niederstürzt, nicht aufrichten oder aufhelfen. (3) Bäume dienen ihm daher als Lager; an sie lehnt er sich an und so ruht er, nur etwas rückwärts gebeugt, aus. (4) Wenn nun die Jäger an den Spuren bemerken, wo er sich hinzubegeben pflegt, so untergraben sie entweder alle Bäume in der Wurzel oder hauen sie so an, dass sie nur noch dem äußersten Schein nach stehen. (5) Lehnt sich dann ein Elch seiner Gewohnheit nach daran, so drückt er den geschwächten Baum durch seine Last nieder und fällt selbst mit zur Erde.

28. Auerochsen

(1) Die dritte Tierart sind die sogenannten Auerochsen, die in ihrem ganzen Äußeren, besonders an Gestalt und Farbe, dem Stier nahekommen, aber fast so groß sind wie ein Elefant. (2) Diese Tiere besitzen eine gewaltige Stärke und Schnelligkeit; jeder Mensch und jedes Tier, das sie erblicken, ist verloren. Man gibt sich deshalb viel Mühe, sie in Gruben zu fangen und zu töten: (3) ein mühevolles Jagdgeschäft, in dem sich die jungen Leute üben und abhärten; großes Lob erhält deshalb, wer die meisten erlegt hat und zum Beweis der Tat die Hörner der Tiere dem Volk aufweist. (4) Der Auerochse wird übrigens nie zahm und gewöhnt sich nicht an die Menschen, auch wenn man ihn ganz jung einfängt; (5) seine Hörner sind an Weite, Gestalt und Aussehen von den Hörnern unsere Ochsen sehr verschieden; (6) man sucht sie eifrig, fasst den Rand mit Silber ein und verwendet sie bei glänzenden Festmählern als Becher.


Bild: Commentarii de Bello Gallico | CC-by-sa-3.0
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