Kunststile der Wikingerzeit – 800 n. Chr. bis 12. Jahrhundert

Kunststile der WikingerzeitAls Kunststile der Wikingerzeit bezeichnen wir mehrere eigenständige Stilrichtungen, die sich in der Zeit ab ca. 800 n. Chr. in Nordeuropa entwickelt haben.

Bild: Drachenkopf | © CC-by-sa-3.0

Nach heutigem Kenntnisstand geben die Bildwerke germanischer Kunststile der Wikingerzeit des ersten nachchristlichen Jahrtausends weder den individuellen künstlerischen Ausdruck einzelner Menschen noch die Ergebnisse eines freien künstlerischen oder kunsthandwerklichen Schaffens wieder. Die Bildwerke sind vorwiegend in einem religiösen oder spirituellen Kontext zu sehen. Bei der Ausgestaltung der Motive folgten die Künstler und Handwerker stets sehr engen Vorgaben und strengen gestalterischen Regeln.

Je nach zu verzierendem Werkstoff wurden die vorhandenen Gestaltungs- und Motivelemente kombiniert, ohne dabei aber von den aktuellen Mode- oder Stilrichtungen abzuweichen. Die Bildwerke der Tierstile I und II zeigen eine große nord- und mitteleuropäische Gleichförmigkeit und es lassen sich keine regionalen Besonderheiten ausmachen. Das legt die Vermutung nahe, dass sich die germanischen Kulturen damit bewusst von den benachbarten Kulturen abzugrenzen versuchten. Die Tierstile wurden kontinuierlich weiterentwickelt und nur gelegentlich durch stilistische Einflüsse aus anderen Kulturen beeinflusst.

Germanischer Tierstil

Der Ausdruck Germanischer Tierstil oder Tierstil bezeichnet in der Stilgeschichte und der Archäologie eine Stilrichtung des Frühmittelalters. Er war in Teilen West- und Mitteleuropas sowie Teilen Skandinaviens verbreitet. Charakteristisch für diese Stilrichtung ist die Darstellung in sich verflochtener, stilisierter Tiere und Menschen. Kennzeichnend ist dabei die Auflösung menschlicher und tierischer Körper in Einzelformen. Das Grundmotiv wird dabei oft bis zur Unkenntlichkeit abgewandelt, so dass einzelne Tiere nur noch an besonderen Attributen identifizierbar sind.

Oseberg-Berdalstil

Oseberg-Berdalstil vom 8. bis 9. Jahrhundert (besonders erstes bis drittes Viertel des 9. Jhs.) Es ist der erste der Kunststile der Wikingerzeit. Er ist auch als 1. Greiftierstil bekannt. Berühmt ist das Frauengrab in Oseberg im norwegischen Vestfold. Kleinwüchsige Tiere sind dort zu flächendeckenden Mustern zusammengestellt. Die Verwendung von Schlaufen ist abgeschwächt und das plastische Relief hat mehrere Ebenen, so dass neue Licht- und Schattenwirkungen entstehen.

Parallel zu Oseberg entstand der inzwischen nicht mehr als eigenständig angesehene Berdalstil nach dem Hauptfundort im westlichen Norwegen. Er ist vor allem in Jütland und in Norwegen verbreitet. Beim Oseberg-Berdalstil sind die Tiere immer zur Gänze dargestellt, mit betontem Vorder- und Hinterleib sowie vier Tatzen oder Klauen. Die Klauen erfassen Rahmenteile der Darstellung oder andere Tiere. Daher stammt die Bezeichnung Greiftierstil. Der Kopf ist immer en face, mit Glotzaugen und Nackenschopf, wiedergegeben.

Borrestil

Borrestil vom 9. bis 10. Jahrhundert (besonders 850/875 – 925/950 Grabfund von Borre in Vestfold, Norwegen.) Er beinhaltet dichte, spiegelsymmetrische Motive, besonders Kreis und Quadrat. Das kommt zum Beispiel bei den Flechtbändern zum Ausdruck, die die charakteristischen Ringketten und Brezelknoten bilden. Er stellt die zweite Phase des Greiftierstils dar. Verbreitet war er besonders im östlichen Norden. Beim Borrestil sind die Fabeltiere oft mit geometrischen Flechtbandornamenten verbunden. Abgelöst wurde der Greiftierstil vom Jellingestil.

Jellingestil

Der Jelling-Stil (auch: Älterer Jelling-Stil) ist ein wikingerzeitlicher Kunststil in Skandinavien. Sein Verbreitungszeitraum reicht vom Anfang des 10. Jahrhunderts bis etwa 975. Benannt ist er nach seinem Leitfund aus dem Königsgrab von Jelling in Dänemark. Er tritt an hölzernen, metallenen und steinernen Gebrauchsgegenständen, Schmuckstücken und Runenkreuzen aus dieser Zeit auf.

Mammenstil

Der Verbreitungszeitraum des Mammen-Stils (auch: Jüngerer Jelling-Stil) reicht von der Mitte des 10. bis zum Anfang des 11. Jahrhunderts. Benannt ist er nach dem Axtfund aus einem Kammergrab von Mammen in Jütland. Er tritt an metallenen prunkvollen Gebrauchsgegenständen, Schmuckstücken, Schnitzarbeiten aus Horn sowie Bildsteinen aus dieser Zeit auf.

Ringerikestil

Der Ringerike-Stil (auch: Runenstein-Stil) ist ein wikingerzeitlicher Kunststil in Skandinavien. Sein Verbreitungszeitraum reicht vom Anfang bis zur zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Benannt ist er nach der norwegischen Landschaft Ringerike oder nach dem Ringerikesandstein aus dem viele Runensteine in dieser Stilart bestehen. Er tritt an metallenen und hölzernen Schnitzarbeiten, Schmuckstücken und Waffen sowie Runensteinen aus dieser Zeit auf.

Urnesstil

Der Urnesstil vom 11. bis 12. Jahrhundert (Letzte ‚nordische’ Stilphase) wurde nach den Fragmenten der ersten Kirche von Urnes in Sogn, Norwegen bezeichnet. Charakteristisch sind extrem stilisierte Vierbeiner, bandförmige Tiere und Schlangen. Der geflügelte Drache tritt zum ersten Mal in Skandinavien auf, möglicherweise nach angelsächsischen Vorbildern. Prinzip: offene Achterschlaufen und ein System aus mehreren Schlaufen, die ineinander greifen, nur zwei Linienstärken, Köpfe und Füße zu langschmalen Enden vereinfacht.

Literatur

Reinhard Barth: Taschenlexikon Wikinger. Piper, München Zürich 2002, ISBN 3-492-23420-8 (Kurzdarstellung)
Régis Boyer: Die Wikinger. Klett-Cotta, Stuttgart 1994, ISBN 3-608-93191-0
Ewert Cagner: Die Wikinger. 3. Auflage. Burkhard-Verlag Ernst Heyer, Essen 1992, ISBN 3-87117-000-3 (mit mehreren detaillierten Beispielzeichnungen von Kunstwerken im Osebergstil)
Torsten Capelle: Kultur- und Kunstgeschichte der Wikinger. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, Darmstadt 1986, ISBN 3-534-02509-1
Hildegard Elsner: Wikinger Museum Haithabu: Schaufenster einer frühen Stadt. 2. Auflage. Karl Wachholtz Verlag, Neumünster 1994 (Übersicht über einzelne Stile mit Beispielzeichnungen)
James Graham-Campbell: Das Leben der Wikinger. Universitas Verlag in F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 1993, ISBN 3-8004-1297-7 (populärwissenschaftlich, ausführliche Darstellung und Fotos)
Joachim Hermann [Hrsg.]: Wikinger und Slawen. Akademie-Verlag, Berlin 1982 (Übersicht mit Beispielzeichnungen)
Arnold Muhl und Rainer-Maria Weiss: Wikinger, Waräger und Normannen: die Skandinavier und Europa 800 bis 1200. Staatliche Museen, Preussischer Kulturbesitz, Berlin 1992, ISBN 3-88609-304-2 (Ausstellungskatalog mit Text-Beiträgen und Bildern im Katalogteil)

Kunststile der Wikingerzeit

Michael Müller-Wille und Lars Olof Larsson: Tiere – Menschen – Götter. Wikingerzeitliche Kunststile und ihre neuzeitliche Rezeption. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-86309-8 (zur zeitlichen Einordnung hölzerner Funde und Dauer einzelner Kunststile)
Erik Graf Oxenstierna: Die Wikinger und Nordgermanen. Fourier Verlag GmbH, Wiesbaden 2003, ISBN 3-932412-49-4 (populärwissenschaftlich, ausführlich zum Osebergfund, mit Zeichnungen)
Rudolf Pörtner: Die Wikinger-Saga. Econ Verlag GmbH, Wien und Düsseldorf Neuauflage 1990, ISBN 3-430-17517-8 (populärwissenschaftlich, sehr ausführlich zum Osebergfund)
Bernhard Salin: Die altgermanische Thierornamentik. Neue Auflage 1981. Fourier Verlag GmbH, Wiesbaden, Reprint d. Orig.-Ausg. 1935, ISBN 3-921695-60-0 (Darstellung der Entwicklung der germanischen Tierornamentik und Einteilung in die Stile I, II und III)
Haakon Shetelig: Vestfoldskolen. Osebergfundet III. Kristiania 1920 (wissenschaftliche Bearbeitung der Osebergfunde)
A. G. Smith: Viking Designs. Dover Publications Inc., Mineola 1999, ISBN 0-486-40469-2 (zahlreiche ungeordnete Zeichnungen verschiedener wikingerzeitlicher Stile)
Annemarieke Willemsen: Wikinger am Rhein 800 – 1000. Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2004, ISBN 3-8062-1909-5 (Ausstellungskatalog, Zeittafel einzelner Kunststile)


Quellen: Wikipedia
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