Runenschrift in Geschichte und Mythologie

RunenschriftDie älteste Runenreihe, das sogenannte ältere Futhark, wurde anfangs vermutlich nur bei nordgermanischen Stämmen verwendet. Ab dem dritten Jahrhundert bis zum Ende der Völkerwanderung wurde sie dann auch von den Ost- und Westgermanen übernommen. Von den rund 6.500 bisher bekannten Runeninschriften sind nur ca. 350 mit den Zeichen des älteren Futhark geschrieben worden. Besonders die Wikinger und Nordmänner benutzen ab dem 4. Jahrhundert jüngere Versionen des Futhark als Schriftzeichen. Ist es also richtig, von einer Runenschrift zu sprechen?

Bild rechts: Kylverstein
Der Kylverstein wurde 1903 gefunden und auf ca. 400 n. Ch. datiert. Auf ihm befindet sich die bislang älteste gefundene vollständige Runenreihe des älteren Futharks.

Neben der Runenreihe befindet sich auf dem Stein das Palindrom „sueus“ sowie ein Zeichen, welches möglicherweise aus mehreren Tiwaz und Laguz zusammengesetzt ist. Über Bedeutung und Zweck der Zeichen wurde und wird viel spekuliert, eine Klärung erscheint jedoch sehr unwahrscheinlich. Das Original steht im Historischen Museum in Stockholm.

Entwicklung einer Runenschrift

In der Runenkunde wird oft noch von der Prämisse ausgegangen, dass es sich bei den Runen um Schriftzeichen handelt. Es gibt jedoch einige Hinweise, die dagegen sprechen.

Alle Alphabete, die aus einem Ursprungsalphabet entwickelt wurden, passen sich in der Reihenfolge der Buchstaben diesem Ursprungsalphabet an. Die Reihenfolge der Zeichen im älteren Futhark ist eine vollkommen eigene und lässt keine Rückschlüsse auf ein Ursprungsalphabet zu. Aufgrund dieser speziellen Reihenfolge wird das Futhark auch als Runenreihe und nicht als Runenalphabet bezeichnet.

Vorstufen, die auf eine eigenständige Entwicklung der Runen als Schriftzeichen hinweisen, existieren nicht. Man kann Vermutungen darüber anstellen, dass solche Vorstufen auf Material geschrieben oder geritzt wurden, welches sich mangels Haltbarkeit längst zersetzt hat oder dass diese Zeugnisse im Zuge der Christianisierung vernichtet wurden. Aber das bleibt Spekulation. Es scheint so, als wären die Runen als komplette Reihe von 24 Zeichen plötzlich da gewesen.

Das ältere Futhark wurde nie in der Alltagskommunikation oder für Aufzeichnungen verwendet. Selbst der überwiegende Teil der Inschriften, die auf Runensteinen, Schmuck und Gebrauchsgegenständen gefunden wurden, ist in Zeichen angefertigt, die aus dem älteren Futhark entwickelt wurden.

Die angelsächsische Runenreihe (Futhork) wurde auf 33 Zeichen erweitert, die altnordische Runenreihe (das jüngere Futhark) auf 16 Zeichen gekürzt. Beide Runenreihen wurden als Schriftzeichen basierend auf dem älteren Futhark entwickelt. Hier ist die Bezeichnung Runenschrift eher angebracht.

Runenschrift oder Runenmagie?

Nun stellt sich also die Frage, warum die Menschen damals eine Reihe von 24 Schriftzeichen hätte entwickeln sollen, wenn sie nicht die Absicht hatten, damit zu schreiben? Und wie konnte sich das ältere Futhark so weit verbreiten, wenn es nicht zur Kommunikation verwendet wurde? Vieles deutet darauf hin, dass die Runen ursprünglich nicht als Schriftzeichen gedacht waren, sondern magischen Zwecken dienten.

Auch die Bezeichnung Rune weist eher auf ein magisches denn auf ein Schriftzeichen hin. Abgesehen vom altnordischen rún welches sowohl für Zauberzeichen als auch für Schriftzeichen steht, wird das altenglische rūn, das gotische rūna und auch das althochdeutsche rūna mit Geheimnis übersetzt. Alle diese Wortformen haben ihren Ursprung im urgermanischen rūnō, welches ebenfalls die Bedeutung Geheimnis hat.

Runenschrift in der Mythologie

Sowohl die nordische als auch die kontinentalgermanische Mythologie ist – wie auch die Religion – nicht als festgelegtes System zu verstehen. Eine übergeordnete Instanz wie bei anderen Religionen fehlt. So ergibt sich ein uneinheitliches, regional stark differenziertes Bild. Die wichtigsten Quellen für unser heutiges Bild germanischer Mythologie stammen aus dem 13. Jahrhundert. Neben den Isländersagas und der dänischen Geschichte in den Gesta Danorum des Saxo Grammaticus gehören dazu die Texte der Snorra-Edda. Besondere Bedeutung kommt der sogenannten Lieder-Edda zu, einer Sammlung von 16 Götter- und 24 Heldenliedern.

Das zweite der Götterlieder, das Hávamál (Des Hohen Lied) enthält den als Odins Runenlied bekannt gewordenen Teil.


Bild: „Das ältere Futhark auf dem Kylverstein“, Gunnar Creutz, Lizenz CC-by-sa-3.0